Schauspieltraining für die Kleinsten
21. April 2006, 12:55Als Schauspielcoach ist Christof Oswald spezialisiert auf das Training von Kindern. Doch wie bereitet man eigentlich junge Laien auf einen Film vor?
Von Schauspielern wird erwartet, dass sie textsicher und gut vorbereitet auf dem Set erscheinen; die Probezeiten vor den Dreharbeiten sind in der Regel (allzu) kurz. In diese Lücke springen Schauspielcoachs: Sie bieten Schauspielern Unterstützung bei der Drehvorbereitung und der Entwicklung der Figuren an und stehen ihnen auch auf dem Set zur Seite.
Die Anforderungen, mit denen sich Schauspielcoach Christof Oswald konfrontiert sieht, sind etwas andere: Wie bringt man einem Kindergärtler, der noch nicht lesen kann, Dialoge aus dem Filmdrehbuch bei? Wie bringt man Kinder dazu, Sätze so zu sprechen, dass sie nicht angelernt wirken? Und wie hilft man zappeligen Teenagern, die noch nie auf einem Set waren, einen 12-stündigen Drehtag überhaupt durchzustehen? Der 36-jährige Zürcher hat sich auf das Coaching von Kinderdarstellern verlegt: Oswald betreute die vier Lausbuben in «Mein Name ist Eugen», dann – ebenfalls unter der Regie von Michael Steiner – zwei jugendliche Nebendarsteller in «Grounding» sowie die beiden Hauptdarsteller des Vitus im gleichnamigen Film von Fredi M. Murer. Und schon ist ein weiteres Engagement als Kindercoach in Aussicht.
Von der Theaterpädagogik zum Film
Die Spezialisierung hat sich zwar zwanglos ergeben, indem ein Auftrag zum nächsten führte. Trotzdem ist sie kein Zufall. Während das Coaching von Profidarstellern im kleinen Filmland Schweiz immer noch Seltenheitswert hat, leiste man sich einen Kindercoach viel eher, sagt Oswald. Der Grund ist einfach: Die kleinen Laiendarsteller brauchen eine besonders zeitintensive Vorbereitung.
Sogar Fredi M. Murer, der schon oft mit Kindern gearbeitet hat, findet während der Drehvorbereitung, wo jeweils Dutzende von Entscheidungen anstehen, viel zu wenig Zeit dazu. Und er wollte für seine jungen Darsteller eine professionelle Betreuung.
Oswald attestiert sich selber einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen; das sei eine unabdingbare Voraussetzung für den Beruf. Man nimmt ihm das sogleich ab, allein schon durch die lockere Beiläufigkeit, mit welcher der Coach über die Eigenarten kleiner Darsteller oder über die Medienkompetenz heutiger Kids sinniert. Seine Kompetenz basiert aber auch auf einer professionellen Grundlage: Nach seiner Ausbildung an der Schauspielakademie Zürich und einigen Jahren Berufserfahrung als Schauspieler am Stadttheater Solothurn sowie in der freien Szene entwickelte sich Oswald zum Theaterpädagogen: Als Mitglied des Theaters Zamt & Zunder bringt er (Profi-)Theater an Schulen; als Koleiter des theatereigenen Spielklubs vermittelt er Schülern theatertechnische Grundbegriffe und die Lust am Spiel. Den Kinderalltag kennt er nicht zuletzt als Stiefvater der Tochter seiner Freundin.
Was aber macht das Besondere des Kindercoachings aus? Wie vielseitig die Ansprüche des Berufs sind, zeigt ein Vergleich zwischen Oswalds beiden bisher grössten Engagements. Während der Coach bei «Mein Name ist Eugen», dieser generalstabsmässig organisierten Grossproduktion, die vier Jungs nach genausten Vorgaben und in enger Rücksprache mit Regisseur Michael Steiner trainierte und auf dem Set auch Betreuungsaufgaben übernahm, spielte sich «Vitus» in viel intimerem Rahmen ab. Mit Wärme erzählt Oswald vom kleinen Fabrizio Borsani, der den 6-jährigen Vitus mit einer Natürlichkeit und zugleich einer so intensiven Ausdruckskraft spielt, als wärs ein Abbild seines eigenen Lebens. Von Murer erhielt Oswald den Auftrag, den filmunerfahrenen Kindergärtler so vorzubereiten, dass er textsicher am Set erscheint.
Glücksfall kindliche Spontaneität
Oswald besuchte Fabrizio zu Hause. Er gab dem Jungen kleine Sprechaufgaben und Lockerungsübungen, filmte ihn dabei mit der Videokamera und führte ihn beim Reden über die Geschichte des Films langsam an die Figur heran. Das Erlernen des Textes schaffte Fabrizio wie die meisten Kinder auffallend leicht.
Diese Leichtigkeit könne sogar zum Problem werden, sagt Oswald: «Wenn ein Satz mal drin ist, ist er drin.» So müsse man den Kindern oft klar machen, dass Dialoge nicht in Marmor gemeisselt seien. Dazu gibt es eine schöne Anekdote: Als Bruno Ganz bei einer Probe einmal improvisierte, wurde er von Fabrizio, der inzwischen auch die Dialoge von Ganz intus hatte, prompt gemahnt: «Du hast einen Satz ausgelassen!»
Oswald schüttelt es heute noch vor Lachen. Die Kunst eines Pädagogen bestehe eben darin, zu ermöglichen, dass die Dialoge des Kindes lebendig blieben und die Spontaneität dabei nicht verloren gehe. Überhaupt können zu viele Anweisungen Kinder blockieren. Handkehrum: Je kleiner ein Kind ist, desto leichter entstehen jene einmaligen Momente, wo es sich wie Fabrizio vor der Kamera vergisst.
Was im Fachjargon «Durchlässigkeit» heisst – wenn jemandem anzusehen ist, was in ihm vorgeht –, nennt Oswald auch «das Wunder des Schauspiels». Manchmal könne man dem Wunder aber auch etwas nachhelfen: indem man dem Kind eine Geschichte erzählt, während es unbemerkt gefilmt wird.
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