Zürich - Tages-Anzeiger
29. November 2006, 23:03

Wanzen auf dem Vormarsch

In Hotels machen sich vermehrt Bettwanzen breit. Sie besiedeln Bettgestelle und Möbel, stechen die schlafenden Menschen und sind schwer zu eliminieren.

Von Claudia Imfeld

Zürich. - Die 5 Millimeter kleinen Tierchen kriechen nachts aus Ritzen und Spalten, orten mit ihrem feinen Sensorium die Wärme des schlafenden Menschen und suchen auf seinem Körper eine geeignete Saugstelle. Dann stechen sie zu und saugen sich 3 bis 15 Minuten lang mit Blut voll. Während ein Teil der Betroffenen von den Stichen nichts merkt, reagieren andere mit Juckreiz, Blasen und Ausschlag.

Die Tiere sind in Europa und Nordamerika heimisch. Auch in Schweizer Hotels und Herbergen fühlen sie sich wohl und werden von Gästen fleissig verschleppt. Denn sie reisen im Gepäck mit. Ihr vermehrtes Auftreten ist eine Folge der Globalisierung. Je mehr gereist wird, desto häufiger kommen die Insekten unbemerkt mit. In den USA sind sie derzeit eines der Hauptgesprächsthemen der Schädlingsbekämpfungsexperten.

Für den Kanton oder die Stadt Zürich fehlen offizielle Zahlen, wie oft Hotels von Wanzen betroffen sind. Zwar führt die städtische Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung eine Liste, in der die Meldungen zwischen 1991 und heute mit Schwankungen von 3 auf 21 pro Jahr gestiegen sind. Doch melden sich meist Personen, die im In- oder Ausland gestochen worden sind und nicht die Hotels - die wenden sich direkt an ein Schädlingsbekämpfungsunternehmen.

Tourismusorte besonders betroffen

Die Schädlingsbekämpfungsfirmen registrieren seit rund zwei Jahren deutlich mehr Fälle. Etwa die ISS Pest Control in Dietikon. Laut Manuel Wegmann haben sich die Aufträge mehr als verdoppelt. Der Fachmann sieht neben dem wachsenden Reiseaufkommen noch einen weiteren Grund für die Verbreitung der Tiere: «Früher wurden bei der Bekämpfung anderer Schädlinge automatisch auch die Wanzen getötet. Seit sich die Bekämpfungsmethoden verändert haben, bleiben die Bettwanzen am Leben.»

Die Temperatur ist für die Lebensdauer der Bettwanzen entscheidend. Kälte ertragen sie lange, Feuchte und Hitze nicht. Bei Temperaturen über 43 Grad sterben sie. Die ISS Pest Control versucht deshalb, mit einem neuen Verfahren die Wanzen zu bekämpfen. Mit einem Elektroofen wird die Temperatur im betroffenen Zimmer auf 55 Grad erhöht - die Tiere verenden. Insektizide werden nur noch eingesetzt, damit die Wanzen nicht in ein anderes Zimmer flüchten können.

Auch beim Schädlingsbekämpfungsunternehmen Rentokil in Weiningen sieht man in den Bettwanzen «ein wachsendes Problem». Ulrich Lachmuth, Leiter Technik, vermutet, dass die Tiere in den letzten Jahren Resistenzen gegen einen Teil der Insektizide gebildet haben und der Bestand deshalb zunimmt.

Besonders betroffen sind Unterkünfte an Tourismusorten, die von Billigreisegruppen für ein, zwei Tage besucht werden. Das Problem dieser Häuser ist laut den Fachleuten aber nicht mangelnde Hygiene, sondern eben die häufig wechselnde Kundschaft, der Massentourismus, der sich häufig auf Hotels im niedrigen Preissegment konzentriert. Hinzu kommt laut Ulrich Lachmuth, dass sich die alten Gebäude von günstigen Hotels und Herbergen mit ihren vielen Ritzen und Spalten für Bettwanzen sehr gut eignen. Haben sie sich einmal festgesetzt, können sie sich leicht ausbreiten und sind schwierig zu bekämpfen. Denn finden Wanzen einen Weg, kriechen sie auf der Suche nach einem Opfer in einer Nacht von einem Zimmer zum nächsten.

Auch Fünfsternehotels nicht gefeit

Die Schweizer Jugendherbergen kennen die zunehmende Problematik und bekämpfen sie seit längerem: «Wir setzen auf Früherkennung, um eine Ausbreitung zu vermeiden», sagt Sprecher Tobias Thut. Das gesamte Personal sei ausgebildet, und im Ernstfall würden Profis aufgeboten. In den letzten Jahren habe es nur noch vereinzelt Fälle gegeben. Manuel Wegmann von der ISS Pest Control hält es für unumgänglich, dass das Zimmerpersonal geschult wird: «Weil es keine präventive Behandlung gibt, ist es wichtig, dass man einen Befall schnell bemerkt - idealerweise, bevor der Gast es tut.» In den Hotels der Accor-Gruppe, zu der unter anderen die Hotels Formule 1, Etap und Ibis gehören, ist das der Fall: Merkblätter weisen das Personal darauf hin, wie man Bettwanzen erkennt und sich richtig verhält. Kleine Blutspuren auf der Bettwäsche und Kottüpfchen auf dem Bettrost oder -rahmen deuten auf einen Befall hin. Findet das Personal solche, darf es Bettwäsche oder Arbeitsutensilien wie Staubsauger nicht aus dem Zimmer bringen, damit die Wanzen nicht verschleppt werden. «Mit diesem Vorgehen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht», sagt Jürg Sigerist, Sprecher der Accor Schweiz. In diesem Jahr habe das Personal in den 34 Schweizer Hotels nur zweimal Bettwanzen entdeckt.

Auch Hotels der gehobeneren Klasse sind nicht vor Bettwanzen gefeit, sagen Experten übereinstimmend. Laut dem Verband Hotelleriesuisse haben denn auch praktisch alle Mitglieder Verträge mit Schädlingsbekämpfungsfirmen, damit im Falle eines Falles sofort reagiert werden kann.

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Die Bettwanze

Die Bettwanze (Cimex lectularius) ist ausgewachsen rund 5 Millimeter lang. Sie hat einen auf der Bauchseite einklappbaren Rüssel, mit dem sie das Blut schlafender Menschen saugt. Eine «Mahlzeit» kann bis zum Sechs- oder Siebenfachen ihres Körpergewichts betragen. Menschen bekommen die Bettwanzen fast nie zu sehen, weil sie sich tagsüber in den Ritzen von Bettgestellen, Möbeln, Bilderrahmen und Wänden verstecken. Allerdings kann ein unangenehmer, süsslicher Geruch die Tiere verraten - verursacht durch ein Sekret, das sie über ihre Stinkdrüsen ausscheiden. Die sechsbeinigen Tiere können bei Zimmertemperatur bis zu einem Jahr ohne Futter auskommen. (cim)

© Tamedia AG  – Quellen: tagesanzeiger.ch – Agenturen  –  » Fenster schliessen