Schweiz

Ein fatal schleichender Prozess

15. März 2007, 17:12

Der neue Klimabericht für die Schweiz warnt davor, die langfristigen Folgen der Klimaerwärmung zu unterschätzen.

Von Martin Läubli

Die Aussichten sind eigentlich verlockend: Wird es in Zürich in den nächsten rund vier Jahrzehnten im Jahresmittel gut zweieinhalb Grad Celsius wärmer, so können wir uns auf ein Klima wie in der Magadinoebene freuen. Für den Herbst, Winter und das Frühjahr steigen die Temperaturen um rund zwei Grad, im Sommer gar um knapp drei Grad. Mediterran wäre das Leben am Zürichsee.

Die Autoren des gestern vorgestellten Klimaberichts für die Schweiz schätzen dieses Szenario für das Jahr 2050 als realistisch ein. Allerdings zählen sie in ihrem 150 Seiten starken Bericht auch die Nebenwirkungen auf – und diese sind alles andere als angenehm: Im Winter wird es um rund 10 Prozent mehr Niederschläge geben, wobei es in den tiefen Regionen vor allem regnet. Die Sommer werden deutlich trockener und heisser ausfallen. «Bereits bei einer kleinen Erwärmung werden im Jahr 2050 Sommer, die sonst nur alle 10 bis 50 Jahre auftreten, zur Norm», sagt Christoph Frei von Meteo Schweiz.

Über hundert Wissenschaftler und Gutachter haben in den letzten fünf Jahren im Auftrag des Beratenden Organs des Bundesrates für Fragen der Klimaänderung (OcCC) in die Klimazukunft der nächsten Jahrzehnte geschaut. Grundlage dafür bildete ein regionales Klimaszenario, das auch Einschätzungen erlaubt, mit welcher Wahrscheinlichkeit verschiedene Entwicklungen eintreten werden. Als Basis dienten 16 verschiedene Modellkombinationen des EU-Projektes Prudence und des Schwerpunktprogrammes Klima des Schweizerischen Nationalfonds. Dabei wurden zwei gemässigte Emissionsszenarien des Uno-Klimarates IPCC mit vier verschiedenen globalen Klimamodellen und acht unterschiedlichen regionalen Modellen kombiniert. «Unsere Grundlage basiert auf einem sehr soliden Klimaszenario», sagt Projektleiter Roland Hohmann.

Auf den ersten Blick erscheinen die Folgen der erwarteten Klimaerwärmung auf die Gesellschaft, Wirtschaft und auf das Ökosystem nicht allzu dramatisch. Die Präsidentin des OcCC, CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, gab sich an der gestrigen Medienkonferenz auch entsprechend optimistisch: «Mit der richtigen Anpassungsstrategie sind die Auswirkungen der Klimaerwärmung zu bewältigen.»

Massive Kosten vermeiden

Doch die Autoren warnen vor einer Fehlinterpretation. Die Klimaveränderung sei ein «schleichender Prozess». Veränderungen, die erst unbedeutend erscheinen würden, könnten bereits irreversibel sein und nur eine Momentaufnahme zu künftig drastischeren Veränderungen, schreiben die Autoren. Und weiter: «Unser Handeln entscheidet jetzt über die Klimazukunft und die damit entstehenden massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten nach 2050.» Konkrete Zahlen dazu präsentiert der Bericht nicht.

Anhaltspunkte können Extremereignisse der letzten Jahre geben, die langfristig zur Norm werden können, wenn keine drastischen Massnahmen und Anpassungsstrategien getroffen werden. Das Hochwasser im Mittelland vor zwei Jahren hinterliess einen Schaden von gut 2 Milliarden Franken. Knapp tausend Menschen sind wegen der extremen Hitze im Jahr 2003 gestorben.

Für Projektleiter Roland Hohmann ist dringend ein Klimagesetz mit drastischen Reduktionszielen notwendig, um die Erderwärmung zu bremsen. Gleichzeitig seien dringend umfassende Anpassungsstrategien zu diskutieren. Es braucht gemäss Bericht Gefahrenkarten, auf denen das Risiko für Hochwasser, Murgänge und Steinschlag regelmässig, den Umweltveränderungen entsprechend, neu eingeschätzt wird.

Die Autoren fordern zudem eine «konsequent vorangetriebene Modernisierung des Gebäudebestandes» in Richtung Passivhaus, in dem im Winter massiv Heizenergie gespart wird und das im Sommer ein kühles Klima im Büro und im Wohnhaus bietet.

Tourismus

Tourismusverantwortliche müssen, so heisst es im Klimabericht, ihre Versicherungs- und Investitionsstrategien den neuen Begebenheiten anpassen. Bis ins Jahr 2050, so schätzen die Autoren des Klimaberichts, wird die Schneegrenze voraussichtlich um bis zu 350 Meter ansteigen. In tieferen Lagen wird es weniger schneien und der Schnee wird weniger lang liegen bleiben. Der diesjährige Winter ist ein Musterbeispiel, wie die Wintersaison in den nächsten Jahrzehnten wiederholt verlaufen könnte. In Lagen über 2000 Meter hingegen ist mit einer Zunahme an Schnee zu rechnen, was die allgemeine Lawinengefahr erhöhen wird. Allerdings ist in diesen Höhen, vor allem in südlich exponierten Hängen, mit Auftauprozessen in gefrorenen Böden oder Felsen, sprich Permafrost zu rechnen. Besonders betroffen sind das Engadin, das Wallis und die Berner Alpen. Ein Risiko besteht bei Infrastrukturen wie Lawinenverbauungen oder Masten, die in Permafrostböden verankert sind. In Wandergebieten etwa ist mit häufigerem Steinschlag zu rechnen, wenn der aufgetaute Fels bröckelt.
An heissen Sommern können Berggebiete profitieren, falls die Bewohner im Mittelland frische Bergluft suchen. Orte an Seen könnten für Badeferien attraktiver werden. Alpine Wellness, welche die Komponenten Wasser, Luft, Höhenlage, Licht, Ernährung, Bewegung und Kultur einbezieht, könnte an Bedeutung gewinnen. Grosse Unternehmen, so heisst es im Bericht, welche Synergien effizient nutzen können, besitzen im Konkurrenzkampf die besseren Karten. Kleinere Orte sollten vermehrt auf Nischen setzen. (ml)

Wasserwirtschaft

Die Schäden durch Hochwasser haben in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen. Ein Grund: Es wird immer mehr an exponierten Lagen gebaut. Nach den Klimaszenarien wird es bis 2050 im Winterhalbjahr durchschnittlich mehr regnen und die Häufigkeit von Starkregen wird zunehmen. Im Frühling ist mit einer stärkeren Schneeschmelze zu rechnen. Die Autoren des Klimaberichts erwarten deshalb im Winter im Mittelland, im Jura und in den Voralpen häufiger Hochwasser. Allein in den letzten 20 Jahren haben fünf grosse Hochwasser Milliardenschäden verursacht. Die Risikosituation müsse ständig überprüft werden: Schadenempfindlichkeit, bauliche Schutzmassnahmen, Renaturierung der Flüsse, Notfallkonzept. Das Hochwasser 2005 hat gezeigt, dass dort, wo eine Strategie umgesetzt wurde, die Hochwasserschäden im Vergleich zu früheren Ereignissen deutlich kleiner waren.
Die winterliche Schneedecke und die Gletscher sind heute dafür verantwortlich, dass auch bei Trockenheit meist genügend Wasser in den Bächen und Flüssen fliesst. Bei einer moderaten Erwärmung gehen die Autoren aber davon aus, dass bis 2050 drei Viertel der Gletscher abgeschmolzen sind. Mit einem optimierten Wassermanagement, so die Autoren, liessen sich trotzdem Wasserengpässe vermeiden. Das Wallis wird besonders von häufigeren Trockenperioden betroffen sein. Im Raum Visp sind seit dem Hitzesommer 2003 lokal bis zu 25 Prozent der Föhren abgestorben. Trockenperioden sorgen bei Insekten wie dem Borkenkäfer für optimale Brutbedingungen. Im Jahr 2003 befiel der Käfer zwei Millionen Kubikmeter Fichten. (ml)

Energie

Weniger Heizenergie in wärmeren Wintern, mehr Stromverbrauch in den heisseren Sommern. Die Klimaerwärmung verlagert die Energienachfrage. Die Zunahme an extrem heissen Tagen und von klimatisierten Büroflächen, so schätzen die Autoren des Klimaberichts, führe zu einem erhöhten Stromkonsum für die Raumkühlung um 46 Prozent.
Allerdings erschwert der Klimawandel gleichzeitig die inländische Stromproduktion. Bis 2050 wird die Produktionsleistung der Wasserkraftwerke um 5 bis 10 Prozent sinken. Kurzfristig steht zwar den Stromproduzenten wegen der abschmelzenden Gletscher ein grösseres Wasserangebot im Sommer zur Verfügung; langfristig wird aber weniger Wasser in den Flüssen fliessen. Die Gründe: weniger Sommerregen, erhöhte Verdunstung, weniger gespeichertes Wasser im Gletschereis. Bei Extremereignissen, deren Zahl mit der Klimaerwärmung zunehmen dürfte, kommt hinzu, dass der niedrige Wasserstand während Trockenperioden die Stromproduktion in Laufkraftwerken schmälern kann, wie der Hitzesommer 2003 gezeigt hat. Auch AKW-Betreibern können Hitzeperioden zusetzen. Die warme Wassertemperatur in den Flüssen erschwerte 2003 die Kühlung in Atomkraftwerken. Die Jahresproduktion sank damals um 4 Prozent.
Der erwartete zusätzliche Strombedarf für die Kühlung kann mit innovativen Konzepten reduziert werden. Wärmedämmung im Büro- und Wohnungsbau ist ein Weg. Wärme kann aber auch während der Nacht an die Luft abgegeben werden, wie das im Eawag-Neubau in Dübendorf mit dem Atriumsystem demonstriert wird. (ml)

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft wird gemäss Klimabericht vermutlich profitieren, wenn es bis 2050 in der Schweiz gegenüber 1990 nicht mehr als 2 bis 3 Grad Celsius wärmer wird: Die Vegetationsperiode wird länger; die Zahl der Frosttage nimmt ab. Bereits heute stellen die Wissenschaftler fest, dass verschiedene Pflanzen bis zu 21 Tage früher blühen. Zudem können die Bauern bei vielen Kulturpflanzen von einer grösseren Ernte ausgehen, vorausgesetzt, das Wasser- und Nährstoffangebot ist ausreichend. Bei einem moderaten Anstieg der Jahresmitteltemperatur um gut 2 bis 3 Grad können sich die Bauern wohl anpassen. Das heisst, sie müssen Pflanzensorten wählen, die resistenter gegen Trockenheit sind und weniger Bewässerung verlangen. Die Bauern sind gezwungen, ihren Anbau noch mehr zu diversifizieren, um das Risiko von Ernteverlusten zu reduzieren. Auch Insektenschädlinge finden im wärmeren Klima bevorzugte Verhältnisse.
Die Klimaerwärmung erhöht die Witterungsschwankungen und damit das Risiko für Sommerdürren. Der Jahrhundertsommer 2003 war ein Musterbeispiel, wie die Zukunft aussehen kann: Der Schaden durch Ernteverluste, so schätzt der Schweizerische Bauernverband, betrug etwa 500 Millionen Franken. Bei extremer Trockenheit steigt der Bewässerungsbedarf. Aus Bächen konnten die Bauern vielerorts nur beschränkt Wasser gewinnen wegen der sehr tiefen Wasserstände. Generell, so urteilen die Autoren, hätten bis 2050 jedoch die Liberalisierung der Märkte und die Anpassung der Agrarpolitik einen grösseren Einfluss auf die Landwirtschaft als die Klimaerwärmung. (ml)

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